Neue Führungsrolle: Wenn Verantwortung keine Grenzen kennt
Wer eine neue Führungsposition antritt, übernimmt schnell Aufgaben, die nicht zur Rolle gehören. Was wirklich hilft: Rollenklarheit, RACI und Selbstführung.
Enikö Török
6/6/20263 min lesen


Neuer Job. Neue Energie. Neue Möglichkeiten.
Und dann: die erste richtige Woche. Die zweite. Der erste Monat. Und langsam das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt.
Was auf dem Papier stand, und was in der Realität wartete
Eine meiner Kundinnen trat eine neue Führungsposition an. Die Stelle klang gut. Die Jobbeschreibung auch. Aber schon nach kurzer Zeit merkte sie: Die Beschreibung hatte Lücken. Aufgaben tauchten auf, die nirgendwo erwähnt wurden. Verantwortlichkeiten waren unklar. Und das Muster war immer dasselbe: Wenn etwas nicht geklärt war, landete es bei ihr.
Logisch, oder? Sie ist die Führungskraft. Also fällt es in ihre Verantwortung.
So dachte sie. Bis wir das Thema gemeinsam genau angeschaut haben.
Was wirklich passiert war
Beim näheren Hinschauen haben wir zwei Dinge entdeckt:
Erstens: Ihr eigenes Führungsteam war überfordert. Aufgaben blieben liegen, Entscheidungen wurden nicht getroffen, Themen blieben hängen. Und sie sprang ein. Nicht weil es ihre Aufgabe war, sondern weil ihre Vorgängerin das so gemacht hatte. Das Muster war da, bevor sie überhaupt angefangen hatte.
Zweitens: Viele administrative Aufgaben, die sie täglich bearbeitete, hätte sie problemlos ihrer Assistentin delegieren können. Aber sie tat es nicht. Weil es schneller geht, wenn ich es selbst mache. Weil ich dann sicher bin, dass es richtig ist. Weil es so einfacher ist.
Das Ergebnis: Eine Führungskraft, die die Arbeit von drei Rollen übernimmt, sich fragt warum sie keine Zeit hat, und langsam aber sicher das Gefühl bekommt, dass diese Stelle vielleicht doch nicht das Richtige war.
Was das Gehirn damit zu tun hat
Hier ist etwas Wichtiges, das ich mit ihr besprochen habe und das ich auch dir mitgeben möchte:
Wenn die Rollenklarheit fehlt, reagiert das Gehirn mit dem, was es am besten kann: Kontrolle herstellen. Die Amygdala, das Überlebenszentrum, wertet Unklarheit als Bedrohung. Und die einfachste Antwort auf Bedrohung ist: selbst handeln, selbst entscheiden, selbst erledigen. Das fühlt sich nach Kompetenz an. In Wirklichkeit ist es Stressmanagement.
Dazu kommt etwas noch Faszinierenderes: Unser Gehirn ist ein Meister im Mustererkennen und Muster kopieren. Wir lernen unbewusst durch Beobachtung. Sie hatte nie explizit entschieden, die Arbeit ihrer Vorgängerin zu übernehmen. Ihr Gehirn hatte einfach das Muster gespeichert: So funktioniert Führung hier. Und sie setzte es fort, ohne es zu hinterfragen.
Das nennt sich implizites Lernen und es passiert ohne bewusste Entscheidung. Was bedeutet: Muster zu verändern braucht mehr als Einsicht. Es braucht bewusstes Handeln, immer wieder.
Ein Werkzeug: RACI
Ein RACI-Chart ist ein einfaches Instrument zur Rollenklärung. Es beantwortet für jede Aufgabe vier Fragen: Wer ist verantwortlich für die Ausführung? Wer trägt die Gesamtverantwortung? Wer muss informiert werden? Wer muss konsultiert werden?
Für meine Kundin war das ein echter Moment der Klarheit. Schwarz auf weiss zu sehen, was tatsächlich in ihrer Verantwortung liegt und was nicht, hat den Nebel gelichtet.
Aber ein RACI-Chart alleine löst das Problem nicht.
Was dahinter steckt
Das Werkzeug zeigt dir, was sein sollte. Selbstführung zeigt dir, was wirklich passiert.
Das Entscheidende, das ich meiner Kundin gesagt habe: Sie ist ein Rollenmodell. Ihr Führungsteam beobachtet, wie sie handelt, wie sie Grenzen setzt oder eben nicht setzt, wie sie mit Überforderung umgeht, wie sie Aufgaben delegiert oder sie stillschweigend selbst erledigt. Und es lernt. Unbewusst. Täglich.
Die Frage ist nicht nur: Was steht in deiner Jobbeschreibung? Die Frage ist: Welches Muster lebst du vor?
Wenn du selbst keine Grenzen setzt, wirst du in einem Team arbeiten, das auch keine Grenzen kennt. Wenn du Aufgaben übernimmst, die nicht deine sind, werden andere aufhören, Verantwortung zu übernehmen. Wenn du dich selbst übergehst, werden auch andere dich übergehen.
Das klingt hart. Aber es ist keine Kritik. Es ist Biologie.
Und der erste Schritt raus ist der gleiche wie immer: ehrlich hinschauen. Was sind deine Werte? Wie zeigen sie sich im Alltag? Oder überschreitest du täglich deine eigenen Grenzen, ohne es zu merken?
Zum Schluss: ein paar Fragen für dich
Welche Aufgaben trägst du gerade, die eigentlich nicht deine sind?
Wo hast du ein Muster übernommen, ohne es bewusst entschieden zu haben?
Welches Verhalten lebst du vor, das du dir bei deinem Team nicht wünschen würdest?
Was wäre der erste kleine Schritt, um eine Grenze zu setzen, die du schon lange hättest setzen sollen?


